Negatives Impfen – Immunisieren vor negativer Meinung | MTP e.V.

In diesem Artikel werde ich genauer reflektieren und analysieren, wie jemand die eigene und die Meinung anderer vor negativer Meinungsmache stärken oder „immunisieren“ kann. Dabei werde ich mich kritisch auf ein paar Studien beziehen und Regeln zum Reflektieren mit einbringen. Am Ende werde ich die Rückschlüsse als Tipps gegen negative Meinungsmache kurz zusammenfassen.

Als einzelne Person, als UnternehmensgründerIn und als Unternehmen, wird man, gewollt oder ungewollt, von anderen bewertet. Dies können faire Meinungen sein oder auch einfach nur negative Meinungsmache. Umso wichtiger ist es, nicht nur zu wissen, wieso manches negatives nicht immer negativ ist, manchmal aber schon (siehe einen vorherigen Artikel im Magazin). Weiterhin ist wichtig, dass die jeweilige Zielgruppe positiv von einem beeinflusst werden kann und sie sozusagen gegen die negative Meinungsmache anderer „immunisiert“ wird. Natürlich sind rechtliche Wege gegen Verleumdung möglich.

Der Begriff der Immunisierung stammt aus der Medizin. Die Theorie dahinter ist, dass eine Person einer geringen Menge an Erregern ausgesetzt wird, damit der Körper diese bekämpft. Dieser Text ist nicht „pro impfen“, sondern bezieht sich auf die Metapher, die hinter dem allgemeineren Prinzip des Immunisierens steckt. Dieses Prinzip ist auch in der Sozialpsychologie unter dem „Einstellungsimpfen“ bekannt.

Einstellungsimpfung

Wie könnte dann solch ein Impfen im Sozialen stattfinden? Einige Studien der Sozial-Psychologie beziehen sich auf das „Einstellungsimpfen“ (z.B. Bernard et al., 2003; McGuire, 1964; siehe auch Aronson et al., 2006). Dabei werden dem Probanden einzelne Gegenargumente gegen gewisse Einstellungen geboten, über die sie Zeit haben nachzudenken. Durch das Schützen vor diesen eher schwachen „Argumenten“, sollen die Probanden sich auch stärker mit der jeweiligen Einstellung und den Themen beschäftigen. Ein einfaches Beispiel ist, wieso sich jemand jeden Tag die Zähne putzen sollte und schwache Argumente dagegen (McGuire, 1964). Ein etwas komplexeres Beispiel ist, die Werte von Gleichheit zu verteidigen, wie die von Frauenrechten (Bernard et al., 2003).

Was bedeutet das praktisch? Die schwächeren negativen Argumente sollen eher dazu dienen, dass die Person sich stärker mit einer gewissen Einstellung befasst. Je mehr einem klar ist, wieso die Zähne geputzt werden sollen, desto weniger verleiten andere Argumente. Dabei hat sich herausgestellt, dass schon das Lesen von Gegenargumenten zu konträren Ansichten einen positiven Effekt hat. Dieser verbessert sich zudem, wenn die Person sich aktiv mit dem Thema auseinandersetzt (Bernard et al. 2003).

Jedoch sind solche Studien beschränkt auf Informationen, die schon offen zugänglich sind oder eher als Norm unter den Probanden akzeptiert sind. Dies sind Einstellungen, die einfacher zu bewerten sind. Manchmal bringt einem jedoch das Abwehren eines einfachen Gegenargumentes nicht viel. Zum Beispiel bei viel komplexeren, schwer zu durchschauenden Themen. Inwiefern ist ein gewisser Angeklagter schuldig? Inwiefern ist ein Unternehmen wirklich Teil eines Skandals? Ist Kommunismus schlechter oder besser als Kapitalismus? Bei solchen und anderen Fragen ist es nötig, tiefer in die Materie einzudringen. Zu meinen, dass es nicht so schlimm sei, dass der Angeklagte ein Raucher sei, würde dem vielleicht eher weniger aushelfen. Die Informationen müssen natürlich relevant für das jeweilige negative „Vergehen“ sein.

Werden diese Kritikpunkte beachtet, kann das gleiche Prinzip der Einstellungsimpfung auch auf negative Meinungsmache über eine Person oder ein Unternehmen angewendet werden. Hierbei sind jedoch einige Informationen über die Person oder das Unternehmen nicht von vorne herein zugänglich. Eine Möglichkeit der Person oder des Unternehmens ist, die jeweiligen negativen Aspekte selbst zu erörtern und selbst Gegenargumente zu bringen. Diese Gegenargumente könnten sich dabei auf objektivere Werte beziehen, statt beliebig manipulativ zu sein. Integrität könnte einem aushelfen, Kunden weiter zu behalten. Als eigene Übung könnte man sich selbst ein Thema aussuchen, dazu einfache, relevante Gegenargumente aufstellen und sich dagegen verteidigen. Dabei ist wichtig, auch in die Tiefe zu gehen.

Greta Thunberg bei einer Demonstration

Ein Beispiel ist Greta Thunberg. Sie wurde von mehreren Personen beschuldigt, emotional zu argumentieren, wenig Ahnung von der Materie zu haben und sogar selbst zur Umweltzerstörung beizutragen. Wer sich mit diesen Gegenargumenten gegen sie beschäftigt, kann herausfinden, dass sie mit Forschern kooperiert (Expertise und Unterstützung), sich für die Umwelt einsetzt und die Zukunft der heutigen Kinder betroffen ist. Somit ist es auch in Ordnung Emotionen zu zeigen und dass sie persönlich versucht, sich gegen die Umweltzerstörung einzusetzen und ihren Beitrag zu reduzieren. Solche eher schwächeren Versuche, sie zu diskreditieren, könnten demnach zu einer Stärkung ihrer Person führen. Wenn dies logisch betrachtet wird, ist durch diese Informationen zunächst nur Kompetenz im Bereich des Umweltschutzes gezeigt, jedoch nicht in weiteren Bereichen. Dass die Umwelt verschmutzt wird, sollte zudem jedem klar sein. Einige Kritiker würden zwar meinen, dass keine Klimaerwärmung industriell erzeugt wird. Das benötigt jedoch eine weitere, tiefere Datenbetrachtung. Ein Konsens über die Umweltverschmutzung ist dagegen einfacher zu formen und schwer abzustreiten.

Die Frage des Vertrauens

Bevor sich jemand von einem Arzt immunisieren lässt, ist genügend Vertrauen nötig. In Unternehmen hängt Vertrauen auch von den eigenen Entscheidungen ab, wie der Integrität. Wenn jemand einen ständig trügt, sinkt das Vertrauen zu dieser Person. In diesem Sinne ist es wichtig, sich so ehrlich wie möglich zu zeigen. Wobei das nicht gleich heißt, alles von einem kundgeben zu müssen.

Vertrauen ist nicht etwas, was einfach eingefordert werden kann. „Vertraue mir, damit ich dich impfen oder behandeln kann“, könnte von einigen Ärzten gesagt werden. Das blinde Vertrauen zu einem Arzt bedeutet, sich ohne Aufklärung einer weiteren Person, Risiken auszusetzen, die einem schaden können. Eine Aufklärungspflicht für Ärzte ist wichtig.

Auch beim Impfen von negativer Meinungsmache kann Transparenz und Aufklärung hilfreich sein. Zudem ist natürlich eine gewisse Kompetenz wichtig, wenn sie auch behauptet wird. Ein Arzt sollte auch wirklich jemanden mit den jeweiligen Methoden heilen können. Wenn dagegen Impfstoffe wie Aluminium schadend sind, könnte auch das Vertrauen in die Immunisierung sinken – was eines der Hauptargumente von Impfgegnern ist, sogar bei renommierten Journals (Mold et al., 2018; Tomljenovic et al., 2011).

Gleiches Prinzip gilt auch in der Interaktion. Wenn ein Unternehmen wirklich in einen Skandal verwickelt ist, könnten diese Probleme offenkundig erläutert werden und die Maßnahmen dagegen dargestellt werden. Anderenfalls würde sehr schnell, bei tieferer Recherche, durch das Beschäftigen mit „schwachen“ Gegenargumenten, doch raus kommen, dass das Unternehmen an sich viel schlimmer ist, als es mit den jeweiligen schwachen Gegenargumenten dargestellt wurde. Wenn ein Rassist sich dagegen behaupten will, dass dieser doch nur die „Werte des christlichen Abendlandes“ schützen will, als Kritik auf die Fremdenfeindlichkeit, könnte dort genauer recherchiert werden. Wenn diese Person keine christlichen Werte vertritt wie der Vergebung, sondern Hetze und Hass gegen andere Religionen wie den Islam oder das Judentum schürt – oder gegen Dunkelhäutigere? Dann könnte das „Einstellungsimpfen“ auch einen negativen Effekt haben. Ein schwaches Argument gegen diese Person könnte sein, dass dieser seine Meinung gegen die sozialen Meinungen zeige. Eine Verteidigung dessen wäre, dass man auch Toleranz vor der Meinung anderer haben sollte. Wer sich jedoch tiefer damit beschäftigt, könnte herausfinden, dass die Person auch zu Gewalt, Diskriminierung und Hetze aufruft und vielleicht ausübt. Wenn sich also jemand tiefer mit dem Thema, einer Person oder einem Unternehmen beschäftigt, könnte dies auch den gegenteiligen Effekt auslösen. Klarheit könnte über die schlechten Aspekte eines Themas oder eines Unternehmens herausgefunden werden. Manches sollte vielleicht nicht geimpft werden und in der Dosierung bedacht werden, oder dies könnte zu stärkeren Abwehrreaktionen als gewollt führen.

Die Tiefe des Themas oder oberflächlicher Konsens?

In diesem Zusammenhang passt auch die Studie von Tjosvold und Field (1985). Hier führte das Bestreben, die jeweiligen Argumente eines Themas zu stützen, zu Sicherheit, jedoch zu weniger Tiefe und Einblick in das Thema. Dagegen führte die kontroverse Haltung zu einem Thema und das Diskutieren dessen zu mehr Tiefe, aber weniger Sicherheit. Wenn also gewisse Personen, bei gewissen negativen Themen über ein Unternehmen oder eine Person eine falsche Sicherheit aufweisen – wie beim Mobbing, bei Diskriminierung jeglicher Art, oder Verleumdung einer Person oder eines Unternehmens – könnten dagegen tiefere Informationen dargeboten werden. Das Ziel ist hier, andere Personen vor der negativen Meinungsmache zu immunisieren. Und ein erster helfender Schritt ist auch die tiefere Diskussion dessen. Diese Studie ist jedoch zeitlich begrenzt. Beschäftigt sich jemand tief mit einem Thema, könnte irgendwann ein Konsens und Klarheit über ein komplexeres Thema gefunden werden. Wie aber schon vorher argumentiert – wenn gewisse objektive Kriterien und Klarheit anherrscht, könnte dann wiederum ein positiver Konsens für eine Person, ein Unternehmen oder ein Thema entstehen. Dieser könnte sogar gegen negative Meinungsmache aushelfen.

Zusammengefasste Tipps gegen negative Meingungsmache

Die folgenden Regeln leite ich zusammengefasst ab, um jemanden vor negativen Meinungen zu „immunisieren“.

(1) Schwächere, relevante Gegenargumente können einem helfen, sich tiefer mit einem Thema zu beschäftigen. Somit ist es besser möglich, eine Position zu verstehen und diese vor stärkeren Gegenargumenten zu verteidigen.

(2) Hier können die Gegenargumente und die Verteidigung gegen diese vorgegeben werden, wie in einem Text oder im Audioformat. Dies alleine hilft schon zur „Immunisierung“. Jedoch führt das zusätzliche Beschäftigen der Personen dazu, den Effekt der Immunisierung zu steigern.

(3) Dennoch ist das nötige Vertrauen und gewisse Transparenz hilfreich.

(4) Wenn jemand einen negativen Konsens gegen einen bildet, kann dieser aufgelockert werden, indem Gegenargumente zur Vertiefung gebracht werden. Durch die Vertiefung des Themas ist eine falsche Sicherheit auf Gruppenebene zumindest verringert, was auch das Ziel im Marketing gegen Diskriminierung und Mobbing ist.

Natürlich muss auch bedacht werden, dass manche sich nicht nur Gruppen anpassen, sondern auch selbstständig negative Meinungsmache initiieren. Vertiefte Argumente könnten solchen Personen oder Gruppen weiterhin gleichgültig sein. Die Aufklärung würde dennoch dazu führen, logische Inkonsistenz aufzuzeigen und deren möglichen Absichten und Rechtfertigungen öffentlich zu entnehmen.

Autor:

Kubilay Bora Övün

GS Saarbrücken

Textquellen:

Aronson, E., Wilson, T., & Akert, R. (2006). Social Psychology (6th).

Bernard, M. M., Maio, G. R., & Olson, J. M. (2003). The vulnerability of values to attack: Inoculation of values and value-relevant attitudes. Personality and Social Psychology Bulletin, 29, 63-75.

McGuire, W. J. (1964). Inducing resistance to persuasion. Some contemporary approaches.

Mold, M., Umar, D., King, A., & Exley, C. (2018). Aluminium in brain tissue in autism. Journal of Trace Elements in Medicine and Biology, 46, 76-82.

Tjosvold, D., & Field, R. H. (1985). Effect of concurrence, controversy, and consensus on group decision making. The Journal of Social Psychology, 125(3), 355-363.

Tomljenovic, L., & Shaw, C. A. (2011). Do aluminum vaccine adjuvants contribute to the rising prevalence of autism?. Journal of Inorganic Biochemistry, 105(11), 1489-1499.

 

Bildquellen:

https://pixabay.com/de/illustrations/kunden-feedback-meinungen-4074440/

https://sv.m.wikipedia.org/wiki/Fil:Greta_Thunberg_in_School_strike_for_the_climate.jpg

https://pxhere.com/en/photo/36069

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