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Das „Leben-aus-dem-Herzen“-Plenum im beliebtesten Kiosk von Frankfurt

Wie schafft man es, in einem schwierigen Umfeld die Nr. 1 zu werden und gleichzeitig herzlich und ehrlich zu sein? Dabei sogar seinen Konkurrenten Tipps zu geben?

Das fragten sich auch 11 MTPler aus ganz Deutschland, als sie am 16. September 2019 im Abstellraum des „Yok Yok City Kiosks“ im Frankfurter Bahnhofsviertel zusammen kamen.

Die Rede ist von den Teilnehmern des ersten Akquisathons des MTP e.V., die für sieben Tage zusammen in der Wohnung des Nationalen Vorstands lebten und neue Kooperationspartner für die einzelnen Geschäftsstellen akquirierten. Tagsüber haben sie in kleinen Teams in den Zimmern der Wohnung telefoniert, abends gemeinsam gekocht, Musik gehört und getanzt – oder ein Plenum in einem Kiosk absolviert.

Bei dem Plenum kaufte sich jeder der Teilnehmer zunächst ein Erfrischungsgetränk und setze sich auf Bierkisten. Obwohl der Abstellraum, in dem das Plenum stattfindet, sehr eng ist, fanden hier bereits 23 Kunstausstellungen statt, auch von namhaften Künstlern, wie unser Gastgeber, der Kioskbetreiber Mr Yok Yok, erklärt.

Mr Yok Yok, wie er sich nennt, ist vor 40 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Zunächst hatte er Heimweh, doch dann verliebte er sich in eine Deutsche, seine spätere Ehefrau. Über Osnabrück kam er nach Frankfurt. Dort stieg er ins Filmgeschäft ein, importierte und vertrieb türkische Filme auf Kassetten und DVDs in Deutschland und weiteren Ländern Europas. Später machte er eine Videothek auf, in der er Filme verlieh. Mit dem Aufkommen des Internets kam dann noch ein Onlineshop für DVDs dazu. Als er merkte, dass ein Kunde, der zwei Blocks von der Videothek entfernt wohnt, eine DVD lieber in seinem Onlineshop bestellte, anstatt in der Videothek vorbeizuschauen, orientierte er sich um.

Er eröffnete einen Kiosk, der heute der beliebteste im Bahnhofsviertel von Frankfurt ist. Sein „Yok Yok City“ befindet sich in einem sehr kompetitiven Umfeld, mit 41 Kiosken in der Umgebung. Eine Reihe von denen bietet ihre Waren günstiger an. Die Frage, die sich die Teilnehmer daher stellten: Wie schafft er es, dass trotzdem so viele Leute zu ihm kommen? „Wir heißen jeden Menschen willkommen, als wäre er ein Familienmitglied“, wie Mr Yok Yok erklärt. Sein Kiosk sei eigentlich mehr eine Gaststätte, ein Szenetreff und ein Ort der Begegnung. Er erzählt weiter: „Ein Mensch ist immer ein Mensch. Ich mache keinen Unterschied und behandle alle gleich.“

Dies mag in einem Kontrast zu dem stehen, was man normalerweise annehmen würde. Soziale Rollen wie die des Käufers oder Verkäufers von Waren legen einem eigentlich bestimmte Grenzen auf. Ist das ein Hauptgrund, weshalb viele Menschen mit ihrem Beruf unzufrieden sind?

Akquisathon

Der Akquisathon ist ein erstmalig im September 2019 durchgeführtes Weiterbildungsseminar des MTP e.V.. Dabei konnten sich Mitglieder des Vereins auf einen der Plätze bewerben und lernten in sieben Tagen, wie sie professionell auf Unternehmen zugehen und aufzeigen, wie ein Unternehmen von einer Kooperation profitiert. In den ersten Tagen erhielten die Teilnehmer ein Vertriebstraining, bevor sie dann mit der Akquise neuer Kooperationspartner begannen. Dazu lernten sie Praktiker aus verschiedenen Bereichen kennen, die in Vorträgen ihre Erfahrungen weitergaben.

Die Teilnehmer des Akquisathons bei der Arbeit, von links nach rechts:
Lambert Schultz, GS (Geschäftsstelle) Kiel; Lukas Böttcher, GS Frankfurt; Chantal Kockler, GS Saarbrücken; Lukas Flegel, GS Leipzig; Adrian Berger, GS München; Kerstin Elaene Tolentino, GS Chemnitz; Fabian Schrader, GS Mannheim; Jonas Kirchhoff, GS Paderborn; Laura Fent, GS Hannover; Julian Drewski, GS Mannheim.

Soziale Rollen und (Un-)zufriedenheit im Beruf

Wir Menschen sind täglich in verschiedensten sozialen Rollen – sei es als Fußgänger an der Ampel, als Fahrgast im Bus oder als Geschäftsmann.

Stets gibt es ein bestimmtes Repertoire an Verhaltensweisen, die man von uns erwartet. Obwohl wir alle den ganzen Tag Mensch sind, können wir vor allem im Beruf oft nur einen Teil unserer Persönlichkeit zeigen. Wenn ein Busfahrer zum Beispiel sieht, wie jemand mit Koffern bepackt versucht, den Bus noch zu erreichen, so muss er dennoch in vielen Fällen weiterfahren, da er dem Fahrplan gegenüber verpflichtet ist.

In beschränktem Maße können wir uns über Konventionen hinwegsetzen und individuelle Akzente setzen. Für jemanden wie Mr Yok Yok ist das aber noch zu wenig. Er bringt als Selbständiger seine ganze Persönlichkeit in den Beruf mit ein.

Den Kunden persönlich ansprechen

Mr Yok Yok ist ein ehrlicher, herzlicher Mann. Seine besondere Art zeigt sich schon darin, wie er mit seinen Kunden und Geschäftspartnern umgeht. Ihm ist immer wichtig, den persönlichen Kontakt zu haben. Für seine Kunden in der Videothek legte er zum Beispiel Karteikarten an. Man machte ihm das Angebot, die Karten durch ein Computersystem zur Kundenverwaltung zu ersetzen. Er lehnte aber ab.

„Wenn ein Kunde rein kam, wusste ich gleich die Nummer seiner Karteikarte und legte sie auf die Theke. Der Kunde sah, dass er bei mir registriert ist und fühlte sich wirklich angesprochen.“ Es kamen auch immer mal wieder die Kinder oder Freunde seiner Kunden vorbei, um Filme abzuholen oder zurückzugeben. Auch hier merkte er sich die Namen und erkundigte sich nach dem Wohlbefinden seiner Kunden. Dadurch wuchs der Kreis der Leute, die zu ihm kamen, mit der Zeit immer mehr an.

Auch bei seinem Kiosk schätzt er den persönlichen Kontakt zu Kunden und Lieferanten. Seine Waren bezieht er oft von kleinen, privat geführten Betrieben und Brauereien. Er besucht sie persönlich, indem er teilweise stundenlang mit dem Auto zum Kunden fährt. Sein intensives Wissen über Biere hilft ihm bei der Einschätzung. So fand er in Österreich ein sehr wohlschmeckendes Radler. Er war dann wohl der erste, der es in Frankfurt einführte. Auf diese Weise hat er in seinem individuell zusammengestellten Sortiment das eine oder andere Alleinstellungsmerkmal. Da ist es überraschend, dass er Leuten, die danach fragen, offen angibt, woher er die Waren bezieht.

Ist es nicht von Nachteil seinen Konkurrenten auch noch Tipps zu geben?

Hin und wieder kommen Leute in seinen Laden, die heimlich die Regalreihen abfilmen und ihm recht komische Fragen stellen. Er sagt dazu: „Ich bin gleich ehrlich zu den Leuten und sage ihnen: Ihr braucht mir nichts vormachen.“ Er nennt ihnen dann frei heraus, woher er seine Bierspezialitäten bekommt.

Mit der Zeit steht so mancher Geheimtipp von ihm neu auf der Getränkekarte in Restaurants und Bars der Umgebung. Auch in die Regale seiner Mitwettbewerber fand es schon die ein oder andere (Bier-)Spezialität. Mr Yok Yok freut sich darüber – schließlich kauft er häufig bei kleinen Händlern und Familienbetrieben und hilft ihnen damit beim Marktausbau.

Was seine eigene Marktstellung angeht und den Verlust des jeweiligen Alleinstellungsmerkmals: Stört es ihn nicht, dass ihm dadurch Marktanteile verloren gehen? Mr Yok Yok geht sehr selbstbewusst mit der Situation um: „Ich habe die Leute schon überrundet“, sagt er lachend dazu. Sein über die Jahre erworbenes Fachwissen über Biere und andere Getränke bleibt als Vorteil bestehen. Außerdem gibt es seine wichtigsten Alleinstellungsmerkmale nirgendwo zu kaufen – seine Herzlichkeit und seine offene Art bleiben ihm stets als Vorteil erhalten.

Doch Mr Yok Yok schränkt sich noch auf andere Weise ein. Er handelt nach einer Reihe von moralischen Prinzipien, nach denen er seine Produkte auswählt und Geschäfte macht.

Überlässt man seinen Konkurrenten nicht lukrative Chancen, wenn man sich Grenzen auferlegt?

Die Kioske in der Umgebung sind häufig günstiger. Auch gibt es bei ihnen Produkte, die er nicht anbietet. So können Drogenabhängige bei ihm kein Zubehör wie zum Beispiel Pfeifen kaufen. Auch verkauft er keinen harten Alkohol. Stattdessen bietet er Bedürftigen kostenfrei Wasser an. Seine Zielkunden sind Menschen, die seine Produkte auch genießen.

In seiner Zeit im Filmvertrieb ließ er ebenfalls eine Reihe von einträglichen Verkaufschancen ungenutzt. So gab es die Möglichkeit, mehrere Blockbuster nach Deutschland zu importieren und damit viel Geld zu machen. Sie enthielten aber häufig übertriebene Gewaltdarstellungen. Er wusste, dass auch Kinder seine Filme sehen und dass diese daraus ihr Weltbild formen. Also nutzte er seinen Einfluss und vertrieb nur solche Filme, die ein friedliches Weltbild zeigen.

Sicher verpasst Mr Yok Yok damit eine Reihe von ertragreichen Gelegenheiten. Doch was er dazu sagte, erinnert an ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium der Bibel: „Was bringt es mir, wenn ich die Welt gewonnen habe, aber mich selbst verliere?“ So machten er und seine Kollegen lieber etwas weniger Geld und nahmen dafür ihre Verantwortung gegenüber nachwachsenden Generationen wahr. Zusätzlich engagierte er sich bei der FSK-Behörde, die Filme danach einstuft für welche Altersklassen sie geeignet sind. Er sorgte dafür, dass eine ganze Reihe türkischer Filme auf den Index kamen und damit verhindert wurde, dass Kinder und Jugendliche sie sahen.

Für Mr Yok Yok geht es darum seine Werte zu leben. Dabei hat er die erstaunliche Gabe andere Menschen zum Mitmachen zu bewegen.

Wie schafft man es, mehr von sich in die Welt zu bringen?

Als Mr Yok Yok 53 Jahre alt wurde, überraschten ihn 53 Studenten in seiner Wohnung, die gekommen waren, um ihm ein Ständchen zu singen. Sein Fazit: „Mehr geht nicht.“

Er sieht eine soziale Verantwortung für seine Umgebung, fühlt sich reich beschenkt und möchte etwas zurückgeben. So engagiert er sich in einer Reihe von Initiativen, die das Leben im Bahnhofsviertel verbessern. Auch organisierte er bereits zahlreiche Spendenaktionen. Es stellt sich die Frage, wie er es schafft, einen so großen Einfluss auf seine Umgebung auszuüben. „Ich belehre niemanden, sondern gehe mit eigenem Beispiel voran. Auch dränge ich niemandem etwas auf. Wenn die Leute mich nach einer Spendenaktion fragen, dann erzähle ich davon“, erklärt Mr Yok Yok.

Dabei hilft es sicher, dass er im Viertel und darüber hinaus sehr bekannt ist. Sein Kiosk ist ein Treffpunkt und Ort der Begegnung. Er selbst sagt: „Das Herz ist das Zentrum des Menschen. Alles andere folgt daraus.“ Dies mag auch für seinen „Yok Yok City Kiosk“ im Bahnhofsviertel von Frankfurt gelten.

Auf die Frage, wie man Mr Yok Yok unterstützen könne, stellte er die soziale Einrichtung Teestube Jona im Frankfurter Bahnhofsviertel vor. Sie versteht sich als Wohnzimmer für Menschen ohne Wohnung und betreut Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Auf der Internetseite ist ein Spendenkonto angegeben und man kann auch selbst tatkräftig mit anpacken.

Autor:

Lambert Schultz

GS Kiel

Quelle:

Eigene Erfahrung des Autors

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