Studieren in Deutschland aus Sicht einer Italienerin: Wie sich das Studium über die Grenzen verwandelt | MTP e.V.

Eine Sache unterscheidet Francesca (22) von den anderen Mitgliedern der Geschäftsstelle München: ihre italienischen Wurzeln. Ursprünglich kommt sie aus Avellino, einer Stadt in der Nähe von Neapel. Nachdem sie bereits für eineinhalb Jahre an der Universität von Bologna studierte, entschied sie sich dazu, noch einmal komplett neu anzufangen und nach München zu ziehen.

Mittlerweile wohnt sie schon seit zwei Jahren in Deutschland und studiert Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität. Seit Oktober 2019 ist sie bei MTP München aktiv und hat gleich nach ihrer Zeit als Interessentin die Ressortleitung Kommunikation übernommen.

In folgendem Interview erzählt sie uns mehr über ihre Beweggründe und die Unterschiede zwischen dem deutschen und italienischen Studiensystem.

Ciao Francesca!

Italien verbindet man oft mit Sonne, Strand und Meer und vor allem „La Dolce Vita“. Viele Leute werden sich deswegen fragen, wieso du dich für ein Studium im deutlich kälteren Deutschland entschieden hast. Hat es dir in Italien nicht mehr gefallen?

Francesca: Nein absolut nicht, mir ist es in Italien sehr gut gegangen! Bologna ist eine schöne Stadt und ich hatte auch keine Probleme mit der Universität dort. Allerdings habe ich mich irgendwann gefragt, ob sich meine Zukunfts- und Berufsaussichten verbessern, wenn ich mein Studium in Deutschland abschließe. Es war also eine Kombination aus der aktuellen Arbeitsmarktsituation in Italien und persönlichen Gründen, die eine Rolle spielte. Letzten Endes stand meine Entscheidung fest: Ich gehe nach München, da ich nicht viel zu verlieren habe!

Nicht viele Menschen würden es sich zutrauen, in einem anderen Land ganz alleine noch einmal von vorne zu beginnen. Wie stehst du dazu?

Francesca: Natürlich war es ein sehr großer Schritt, mein stabiles Leben in Bologna nach einem Jahr zu verlassen, nicht zu vergessen meine dortige Universität mit sehr guter Reputation. Und das alles nur für eine Hoffnung. Eine Hoffnung, die bis zu einem gewissen Maß mit Fakten begründet, aber trotzdem mit Unsicherheiten behaftet war.

Kannst du uns mehr über die Unterschiede zwischen dem Studium in Italien und Deutschland erzählen? Was ist hier anders als du es von daheim gewöhnt warst?

Francesca: Sehr gerne. Zunächst ist das Konzept der Exmatrikulation anders. Hier in Deutschland kann man exmatrikuliert werden, wenn man eine gewisse Anzahl von ECTS nicht rechtzeitig erreicht oder eine sogenannte „GOP“ (Grundlagen- und Orientierungsprüfung) nicht besteht. Ein Freund hat mir einmal erklärt, dass das damit zusammenhängt, dass die Semestergebühren hier so niedrig sind und ein Großteil durch Steuern finanziert wird. Im Gegensatz dazu sind in Italien häufig Beiträge von mehr als 1.000 Euro pro Semester fällig, auch für die öffentliche Universität. Wir müssen also einen sehr großen Teil unseres Studiums selber finanzieren, weshalb ich davon ausgehe, dass wir deswegen solange studieren dürfen wie wir wollen. Es gibt keine Zwangsexmatrikulation und so kann ein Bachelorstudium teilweise deutlich länger als drei Jahre dauern.

Auch die Prüfungen laufen in Italien in der Regel anders ab als in Deutschland. Viele Lehrstühle bieten jeden Monat eine Klausur an anstatt nur einmal pro Semester. Außerdem gibt es häufiger mündliche Prüfungen. Zu dem ohnehin bereits in Deutschland hohen Lernaufwand, kommt in Italien noch zusätzliche Belastung durch teilweise 3 oder 4 Bücher pro Klausur dazu.

Bleiben wir gleich beim Thema Studium: Sind dir auch Unterschiede im Studentenleben aufgefallen?

Francesca: Ja, allerdings. Hier in Deutschland gibt es zahlreiche studentische Initiativen wie MTP. Ich finde es echt super, dass sich viele Studierende neben dem Studium in den unterschiedlichsten Bereichen engagieren wollen. Nicht nur um neue Leute kennen zu lernen, sondern auch um seinen eigenen Horizont zu erweitern und sich weiterzubilden. Meinen Erfahrungen nach gibt es leider nichts Vergleichbares in Italien. Generell habe ich auch das Gefühl, dass die Deutschen mehr Wert auf die Praxis legen, während die Italiener mehr Gewicht auf die Theorie legen. Größtenteils ist dort die Devise: Viel lernen und sehr gute Noten schreiben, auch wenn deswegen die Praxiserfahrung zu kurz kommt beziehungsweise ganz fehlt! Ähnlich wie in der Schule.

Abschließend würde uns natürlich noch interessieren, ob deine Erwartungen erfüllt wurden. Wie hat dich deine Zeit in Deutschland bisher geprägt und willst du zurück nach Italien?

Francesca: Um ehrlich zu sein, brauchte ich viel mehr Zeit als ich anfangs dachte, um mich einzugewöhnen und mit der Umstellung klar zu kommen. Solche Erfahrungen können einen verändern und auch wenn man im Großen und Ganzen weiß, was auf einen zukommt, ist es schwierig diesen Wandel und vor allem den anfänglichen Kulturschock anzugehen. Durch meine Zeit in Deutschland wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu bleiben und an Herausforderungen zu wachsen. Manchmal können Fehler auch eine Chance sein. Um das zu verstehen, hat mir die offene und internationale Atmosphäre hier in München definitiv geholfen, da diese zu Hause leider nicht so ausgeprägt ist. Momentan habe ich noch keinen festen Plan, was ich nach meinem Abschluss machen will, aber falls ich nach Italien zurückkehre, würde ich viele Dinge mit anderen Augen sehen.

Vielen Dank an Francesca für die Eindrücke und viel Erfolg für die Zukunft! Wir wünschen dir weiterhin eine tolle und abwechslungsreiche Zeit in München und ein erfolgreiches Semester im Vorstand!

Autorinnen:

Franziska Pech

GS München

Francesca Grieco

GS München
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